Der kleine Eisbär lebte mit seiner Mutter in der Arktis.
Seit einiger Zeit beobachteten die weißen Bären, dass sich auch im Winter auf der sonst so festen, meterdicken Eisfläche brüchige Stellen bildeten. Und am Rand zum Wasser hin krachten immer wieder große Eisbrocken ab. Sie donnerten ins Meer, trieben ab und schmolzen dann allmählich.
Bevor die Eisbärenmutter wie üblich zum Fischen ging, warnte sie daher ihren Kleinen:
„Geh nicht zu nah ans Wasser, mein Sohn.“
Doch der kleine Eisbär vergaß die Worte seiner Mutter schnell. Er merkte gar nicht, dass er immer näher an die brüchigen Stellen herantapste.
Plötzlich geschah es: Das Eis, auf dem er spielte, löste sich vom großen Eisschelf. Rrrrums! Entsetzt klammerte sich der Kleine an die Eisscholle.
Ins Wasser springen und zurückschwimmen – das traute er sich nicht. Seine Angst war zu groß. Und so wurde er weiter und weiter ins Meer hinausgetrieben.
Als seine Mutter von der Futtersuche zurückkehrte, war der kleine Eisbär verschwunden. Verzweifelt rief sie nach ihm, doch als sie ihn endlich entdeckte, war er bereits so weit vom Eisschelf entfernt, dass sie ihm auch nicht mehr helfen konnte.
Da saß der kleine Eisbär nun einsam, traurig und alleine auf der Eisscholle und hoffte auf Hilfe, die nicht kam.
Würde er seine Mama jemals wieder sehen?
Seine Lage wurde immer bedrohlicher, denn: Die Eisscholle unter dem kleinen Bären schmolz langsam aber sicher dahin.
Er war schon zu weit weg vom rettenden Ufer. So weit konnte nicht mal die tapfere Eisbärenmama schwimmen. Mutig war sie ins Wasser gesprungen, um den Kleinen zu retten.
Mit aller Kraft hatte sie gegen Wind und Wellen angekämpft und schließlich doch aufgegeben.
Ohne ihr Kind kehrte sie traurig an Land zurück. Sie hatte es einfach nicht geschafft!
Würde sie ihren kleinen Eisbären jemals wieder sehen?
Die Sonne aber lachte vom Himmel, als sei nie etwas geschehen. Ihre warmen Strahlen kitzelten den verlassenen kleinen Eisbären an der Nase.
Tropf, tropf, machte es dann. Tropf, tropf, fing die Eisscholle an zu tauen. Und sie wurde kleiner und kleiner.
Der kleine Eisbär klammerte sich fest und jammerte laut. Er glaubte nicht mehr, dass ihn jemand retten würde. Doch da täuschte er sich.
Ganz in der Nähe glitt lautlos ein Boot durch die Wellen. In diesem Boot saß Anouk mit seinem Großvater Ukpik. Die beiden waren Inuit oder auch Eskimos, wie wir manchmal sagen. In ihrer Sprache heißt „Anouk“ Bär und „Ukpik“ Schneeeule. Und tatsächlich sah der weißhaarige alte Mann ein bisschen aus wie eine zerzauste Schneeeule.
Das Leben in ihrem Dorf in der Nähe der Küste war ziemlich langweilig, und so hatten sie beschlossen, wieder mal auf Jagd zu gehen.
Da der Großvater Ukpik die modernen Motorboote nicht leiden konnte, fuhren sie mit dem Kajak.
Plötzlich hörten sie ein Geräusch. Neugierig folgten sie den seltsamen Tönen und suchten mit den Augen das Wasser ab.
„Nanouk! Eisbär! Da!“, flüsterte der Großvater auf einmal aufgeregt.
„Ein ganz kleiner, fast noch ein Baby. Wir fangen ihn ein und fahren an die Küste. Vielleicht finden wir seine Mutter.“
Und dann ging alles ganz schnell. Im Handumdrehen hatte der erfahrene Jäger Ukpik den Kleinen gepackt und gefesselt. Das musste sein, denn der kleine Eisbär biss wütend um sich. Er wusste ja nicht, dass die Menschen ihm helfen wollten.
Dann suchten sie die Eisbärenmutter. Als sie sie gefunden hatten, ließen sie den Kleinen frei und beobachteten vom Boot aus, wie der kleine Eisbär und seine Mutter sich freudig begrüßten.
Nachdenklich sagte der alte Ukpik: „Das ist ja noch mal gut gegangen, kleiner Eisbär. Du hast Glück gehabt und bist von Menschen gerettet worden. Aber wir Menschen haben dich auch in Gefahr gebracht. Wir sind nämlich schuld daran, dass es auf der Erde immer wärmer wird. Und jetzt müssen wir alles dafür tun, dass das ewige Eis, dein wunderbares Zuhause, nicht für immer verschwindet.“
„Großvater“, fragte Anouk, „kann ich da auch mithelfen?“
„Jeder kann mithelfen: alle Männer, Frauen und Kinder dieser Welt. Und du natürlich auch“, antwortete der weise alte Ukpik.














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